Russland Vorurteile…. was ist dran?

Also ich dachte immer, Russen trinken jeden Tag Vodka, das Essen ist nicht sehr gut, ihre Städte strotzen nur so vor Kriminalität, es hat dauerhaft – 40 Grad und sie haben gerade so Strom. Ich hatte kein sehr gutes Bild von der Regierung, und Gastfreundlichkeit kam mir ebenfalls nicht in den Sinn. Meine Ansichten waren sehr von unseren Medien beeinflusst. Was trieb mich also dorthin? Mein Freund Anton ist aus Kasachstan, ich wollte unbedingt mit ihm vereisen und wir diskutierten oft über Russland, allerdings war keiner von uns bisher dort. Nachdem wir wieder einmal hitzig diskutierten, sagte er: „Weißt du was Nick? Jetzt reicht`s, wir reisen da hin und überzeugen uns selbst davon!“

Um ehrlich zu sein, ich war überhaupt nicht begeistert …. . Diese Reise machte mir Angst, und deshalb beschloss ich, es zu machen und nach Russland zu reisen um herauszufinden, was denn an diesen ganzen Geschichten dran war. Wir planten unseren zwei Wochen andauernden Trip ein halbes Jahr lang, denn ob ihr es glaubt oder nicht, Russland ist verdammt groß. Das Erste was mir in den Sinn kam, war die Transsibirische Eisenbahn, ansonsten kannte ich noch Moskau und da hörte es auch schon wieder auf. Also flogen wir mit der russischen Airline nach Moskau und ich war überrascht, nicht in einem fliegenden Schrotthaufen zu sitzen. Nein, es war tatsächlich ein total normales Flugzeug mit normaler Verpflegung und Stewardessen. An der Passkontrolle stellte ich mir Soldaten mit Kalaschnikows und riesigen geifernden Hunden vor. Auch hier: Fehlanzeige, abgesehen von der Tatsache, dass die Beamten kein Wort Englisch sprachen war alles ganz Normal (Danke Anton fürs Übersetzen).

Wir gingen aus dem Flughafen, wo uns unser Fahrer mit gebrochenem DEUTSCH (?!) empfing, ich war total perplex. Sie sprachen kein Wort Englisch, aber Deutsch ? Unglaublich, ich empfand die deutsch Sprache im Ausland immer als komplett nutzlos. Wir fuhren also in Richtung Moskau, und okay, die Autos waren wirklich witzig und der Verkehr war mörderisch, wir brauchten für 10 Kilometer eineinhalb Stunden. Von weitem sah man an der Stadtgrenze hunderte Plattenbauten, aber nicht heruntergekommen, sondern frisch gestrichen. Selbstverständlich gibt es dort auch sehr viele heruntergekommene Gebäude, aber vor allem ist das Bild von Einkaufszentren und Kentucky Fried Chicken Restaurants geprägt. Komisch.

Wir checkten also im sehr sauberen Hostel ein und machten uns auf den Weg, die nächsten zwei Tage die Stadt zu erkunden . Diese war so unglaublich sauber ( ich rede immer nur von dem was ich erlebt habe, und ich war ausschließlich im Stadtzentrum). Nirgends Müll oder ähnliches, und ich muss sagen, ich fühlte mich auch sehr sicher. Nachdem wir den Kreml besichtigten, und ich feststellte, dass dort drin nicht nur Putin regiert, sondern das nur auf ein einziges Gebäude dort zutrifft. Ich war sehr Erstaunt, denn „Kreml“ bedeutet in der russischen Sprache so etwas wie bei uns „Altstadt“. Viele Städte haben einen Kreml, und innerhalb des Kremls stehen viele Kirchen und Gebäude, die wirklich sehr sehenswert sind.

 

Die größte Kanone der Welt
Die größte Kanone der Welt im Kreml

Hier muss ich sagen bestätigte sich das Klischee des Größenwahnsinns. Ich würde es nicht so bezeichnen, denn irgendwie passt es zu dem Land, und wenn man dort war versteht man es, diese  absolut riesigen Gebäude haben mich unglaublich beeindruckt. Speziell die Gebäude aus der Sowjetunion sind absolut gigantisch, alleine die „Sieben Schwestern“, die mal eben zu einem Jubiläum aus dem Boden gestampft worden sind. Ich glaube, ich habe ein gutes Beispiel, wie ich diesen Gebäude-Wahnsinn erkläre, denn unsere Touristen-Führerin erklärte uns (auf Deutsch): „Ach ja, und hier sehen Sie die größte Glocke der Welt, wir brauchten Jahre um sie aus der Baugrube zu bekommen, nachdem das Gerüst bei einem Feuer verbrannte, da es damals nicht möglich war, solch schwere Dinge zu bewegen“. Gleich  daneben stand die größte Kanone der Welt, sie wurde nie abgefeuert, niemand weiß ob sie überhaupt funktioniert. Ich fragte also einfach nur überrascht: „Warum haben Sie diese Dinge gebaut?“. Sie lachte und sagte: „Weil wir es können natürlich!“. So ist die Mentalität dort.

 

Die größte Glocke der Welt
Die größte Glocke der Welt

Nachdem wir dann noch das Nachtleben etwas erkundeten, ging es dann für uns weiter mit der Transsibirischen Eisenbahn, und ich bekam in den nächsten vier Tagen erstmals ein Gefühl dafür wie riesig das Land ist, es ist unglaublich. Außerdem reisten wir mit einer 85 Jahre alten Russin, und erlebte zum ersten mal die herzliche Gastfreundschaft dieses Volkes. Ja, aller Anfang ist schwer, aber wenn man erst ein mal mit einander warm geworden ist, dann haben mich die Russen bis jetzt länderübergreifend mit ihrer Herzlichkeit am meisten überzeugt. Wir unterhielten uns mit dieser Frau, ihre Eltern wurden von Deutschen getötet, sie wuchs in einem Waisenhaus auf, und sie war trotzdem ohne irgend einen Groll, das hat mich zutiefst beeindruckt. Als ich sie fragte, was sie sich wünsche, war die Antwort klar: „Frieden, und das mehr Touristen ins Land kommen, damit man es ihnen zeigen kann“. Denn wir waren die ersten Ausländer die sie traf.  Etwas das ich auch im Zug feststellte, Russen trinken Vodka meist nur zu feierlichen Anlässen, dieses Klischee ist also hinfällig, dafür sind sie aber nach etwas anderem süchtig: Tee ! Ja, ob du es glaubst oder nicht, sie trinken zu jeder Mahlzeit und Gelegenheit Tee. Wir kamen nach der Zugfahrt und einem Zwischenstopp in Irkutsk, einem kleinem Dorf an. Hier genossen wir eine Sauna,und es war wirklich sehr angenehmes Wetter, 25 Grad Plus. Unsere Gastgeberin verwöhnte uns mit dem Besten der russischen Küche : Pfannkuchen, Teigtaschen gefüllt mit Hackfleisch, Borschtsch (eine unglaublich leckere Suppe) und viel Kuchen. Von Irkutsk reisten wir weiter zum Baikalsee, dem größten natürlichen Süßwassersee der Welt, das Wasser war so sauber, man konnte direkt aus dem See trinken.

Der Baikalsee
Der Baikalsee

Hier fühlte man sich winzig, wie fast überall in Russland. Eingesperrt? Fehlanzeige, ich fühlte mich frei . Als Beispiel: Man konnte Angeln wo und wann man wollte, so etwas ist in Deutschland nicht möglich. Der Baikalsee ist wirklich einer der schönsten Flecken, die ich auf meinen Reisen je besucht habe. Nach vier Tagen am Baikalsee flogen wir zurück nach Deutschland, mein Fazit hierzu lautet:

  1. Russen trinken Vokda, und ja sie vertragen viel davon, aber nur zu feierlichen Anlässen.
  2. Die Städte die ich gesehen habe waren sauber und sicher.
  3. Die Menschen dort sind wirklich rauer, aber das liegt daran, dass das Land auch rauer ist als bei uns, dafür sind sie unglaublich herzlich.
  4. Strom gibt es überall! Auch wenn viele kleine Dörfer noch  keine Kanalisation oder fließend warmes Wasser haben.
  5. Ja im Winter wird es sehr kalt in Russland, aber in Sibirien fühlen sich -40 Grad nicht so schlimm an wie -20 Grad in Moskau. Dies hat folgenden Grund, in Siberien scheint die Sonne 300 Tage im Jahr, und die Luftfeuchtigkeit ist sehr gering.
  6. Die Küche ist sehr fett und fleischlastig, aber unglaublich gut.
  7. Gastfreundschaft wird sehr groß geschrieben, und vor allem gegenüber uns Deutschen sind sie sehr aufgeschlossen.
  8. Englisch wird kaum gesprochen, vorher sprechen sie Deutsch, da das an den Schulen hierzulande unterrichtet wird, ohne Russisch-Kenntnisse ist eine Verständigung kaum möglich.

Du siehst, alles halb so wild.

 

 

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